Dan, wenn du nicht langsam deinen Arsch hier raus schwingst, komme ich zu dir rein und schleife dich an den Ohren raus!“ Sam hasste es, wenn er auf seinen Kumpel warten musste, weil der wieder mal verschlafen hatte, er hasste es wenn sie dann den Bus verpassten und zur Schule laufen mussten und er hasste es, wenn ihnen das dann schon wieder einen Eintrag ins Klassenbuch einbrachte. Und trotzdem wartete er jeden Morgen auf ihn, weil das Freunde so machen und die beiden nun mal schon sehr lange Freunde waren. „Ist schon gut Mann, bin sofort fertig.“ Daniel schnappte sich seine Tasche aus der Ecke des Flures rief ein: „Hab dich lieb Mom.“, über seine Schulter und kam mit einem Schinken-Sandwich in der Hand zu Sam nach draußen. Sie boxten sich freundschaftlich auf die Oberarme. „Ich schwöre dir, wenn du dir nicht bald einen Wecker zulegst, kannst du morgens alleine laufen!“, sagte Sam zur Begrüßung. „Ich habe sogar drei Wecker, die im Minutentakt klingeln, aber sobald der erste klingelt hab ich schon auf alle drei draufgeschlagen, sodass der eine ausgeht und die beiden anderen gar nicht erst anfangen mich zu nerven. Ich kann da nichts machen. Morgens bildet sich bei mir eine zweite Persönlichkeit, der alles was mit aufstehen verbunden ist scheißegal ist und die alles dafür tut weiter schlafen zu können!“ Diese Geschichte hatte Sam schon ungefähr hundert mal gehört, wobei sich, komischerweise, mit jedem Mal ein paar Details hinzu schlichen.

Na toll!“, Sam war nicht gerade begeistert, als sie um die Ecke bogen und der Bus gerade die Türen schloss und sich langsam in Bewegung setzte. Sie rannten los, doch der Bus nahm immer mehr an Geschwindigkeit zu und war schließlich an der nächsten Kreuzung verschwunden. Keuchend und nach Luft ringend blieben sie stehen. „Tut mir echt leid, Sam. Ich überlege mir was, wie ich morgens schneller aus den Federn komme. Versprochen.“ „Ja klar.“, Sam musste lachen, da Daniel dieses Versprechen wohl niemals halten würde. „Ich dachte gegen deine zweite Persönlichkeit lässt sich nichts machen?!“

Durch Sams amüsierten Unterton in seiner Stimme musste Daniel grinsen. „Kann man auch nicht, aber mir fällt schon noch was ein.“

Sie erreichten schließlich mit zwanzig Minuten Verspätung ihr Klassenzimmer. Sie klopften an und gingen hinein. Ihr Klassenlehrer Mr. Turner guckte sie nur missbilligend an „Mir ist es egal, ob sie nun pünktlich hier erscheinen oder nicht, aber finden sie es nicht auch ein wenig peinlich, nicht einmal die Uhr lesen zu können?“ Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus und Sam und Daniel setzten sich mit hochroten Köpfen auf ihre Plätze. Mr. Turner setzte seinen Unterricht fort, als sei nichts gewesen. Ihm waren die Schüler egal, entweder sie lernten den ganzen Mist und hatten so die Chance auf eine richtige Zukunft oder sie ließen es bleiben und wurden Hausmeister oder sonst etwas. Er machte seinen Job ordentlich, vermittelte den Schülern alles was sie wissen mussten, wenn sie dazu bereit waren, und half wo er nur konnte. Doch Spaß machte ihm seine Arbeit schon sehr lange nicht mehr. Er war jetzt 61 Jahre alt und zählte die Tage bis er in den Ruhestand gehen konnte, und so lange musste er solche Taugenichtse wie Samuel Collingwood und Daniel Anderson eben ertragen. Seine Schüler konnten ihn nicht leiden und das wusste er, aber sie mussten ihn ja auch nicht leiden können, er mochte sie schließlich auch nicht.

Als die Stunde endlich vorbei war gingen Sam und Daniel mit anderen aus der Klasse zu den Schließfächern. Louis Baker, ein etwas zu klein geratener Rotschopf mit dicker Hornbrille erzählte gerade eine Geschichte von seinem Hamster, keine Ahnung was der Hamster gemacht hat, ist auch ziemlich uninteressant, als Francesca di Benoli, ungelogen das hübscheste Mädchen der Schule, den Flur entlang geschritten kam. Gefolgt von ihren besten Freundinnen, oder eher Sklavinnen Tracy MacBernard und Cookie Dayfield. Louis verstummte und so ziemlich alle Jungs starrten ihr mit offenen Mündern hinterher, mit Ausnahme von Sam. Er fand das ganze Theater wegen dieser oberflächlichen Zicke total albern und verdrehte die Augen als er den verträumten Gesichtsausdruck seines besten Freundes sah. „Dan, mach den Mund zu. Du sabberst.“ irritiert guckte Daniel sich um, als wäre er gerade aus einem langen Schlaf erwacht „Hä? Was denn?“ Sam kicherte. „Du bist der größte Idiot den es gibt. Tut mir leid, Kumpel, aber du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sich ein Mädchen wie Francesca für einen wie uns interessieren würde. Ich meine, die spielt doch in einer ganz anderen Liga und wir sind eindeutig zu einkommensschwach für sie.“

Francescas Dad war ein sehr einflussreicher Geschäftsmann aus Italien und ihre Familie schwamm buchstäblich in Geld. „Du hast ja recht, aber sie ist so verdammt hübsch. Wahrscheinlich kennt sie noch nicht einmal meinen Namen, ich meine, für sie sehen wir Jungs aus der zehnten doch bestimmt alle gleich aus? Ich meine mit Ausnahme von den Sportlern, den seniors und den wirklich coolen Leuten...“ Sam unterbrach Daniel, bevor er endgültig in Selbstmitleid versank, packte ihn am Arm und zog ihn mit sich zur Sporthalle, wo sie jetzt Unterricht hatten. „Ja, ja, ich weiß Kumpel. Als einfacher junior hat man es schon nicht leicht. Und jetzt komm, dem Young ist es nicht so egal, wenn man zu spät ist und ich habe keine Lust unnötig viele extra Runden laufen zu müssen.“ „okay, okay, aber glaub mir, es macht dich nicht gerade cooler, Wörter wie „einkommensschwach“ zu benutzen.“

Sie gingen eilig über den Schulhof zur Sporthalle und kamen gerade rechtzeitig um sich von Mr. Young zum gefühlt hundertsten Mal die Spielregeln von American Football erklären zu lassen, die jeder von ihnen, dank der modernen Technik und den im Fernsehen übertragenen Spielen, seid ihrer Kindheit in und auswendig kannte. Nun verbrachten sie eine gefühlte Ewigkeit damit, sich Bälle zuzuwerfen, bis der Gong sie schließlich erlöste.

Als sie die Turnhalle verließen, nahm Sam einen dunklen Schatten irgendwo neben sich war, doch er ignorierte ihn, bis Daniel sich umdrehte und ihn festhielt. „Was ist los?“

Daniel sah ein wenig verängstigt aus und Sam wusste, dass es nur eine Person gab, die solch eine Wirkung auf ihn hatte. Er musste grinsen und blickte sich um. „Okay, wo ist sie?“

Der dunkle Schatten war verschwunden und Daniel stand leicht zitternd hinter dem zutiefst amüsierten Sam, als eine, in schwarz gekleidete Person, sanft wie eine Katze vor ihnen landete. Daniel schaute sich verwundert um. Wie war sie so schnell auf das Dach gekommen und warum konnte sie nicht einmal ganz normal, wie jeder andere Mensch auch, auf einen zugehen, sodass man sie sehen konnte und sich nicht vor Schreck fast in die Hose machte?! Aber nein, sie musste immer wie aus dem nichts auftauchen und die Leute sich fragen lassen, warum sie von Gebäuden springen konnte ohne sich weh zu tun.

Sam unterbrach ihn in seinen Gedanken. „Hallo Schwesterherz, was verschafft mir denn die Ehre?“ Sein ironischer Unterton brachte ihre Mundwinkel leicht zum zucken und fast wäre ihr ein Lächeln über die Lippen gekommen, doch sie riss sich zusammen und antwortete ihm so ruhig wie möglich. „Samuel, du musst mit mir, nach Hause kommen. Es ist etwas passiert.“ Er guckte sie verwundert an. „Was ist denn Los? Ist etwas mit Mutter? Mach endlich den Mund auf, Jo!“ Es nervte sie, dass Sam nicht einfach mal das machen konnte was man ihm sagt und immer alles hinterfragen musste. „Halt die Klappe, hol dein Zeug aus dem Spind und dann komm sofort wieder hier hin!“ Da er selbst ein wenig Angst vor seiner Schwester hatte, nicht so sehr wie Dan, drehte er sich um, rannte los und war gleich darauf verschwunden. Daniel blieb alleine mit Johanna zurück was ihm sehr missfiel, aber hiner Sam her rennen, wollte er dann auch nicht. Er würde ihn sowieso nicht einholen und das weiß sie leider auch und dann wüsste sie, dass er nur vor ihr weg gerannt wäre, also blieb er.

Sie grinste ihn an, als wüsste sie genau wie viel Angst er vor ihr hatte. (Und mal ehrlich: sie weiß es natürlich.)

Oh, hi Dan.“ Sie grinste immer noch, was Daniel sehr verwunderte, da sie eigentlich nie auch nur den Hauch eines Lächelns zeigte. „Ha ha hallo Jo Johanna.“

16.8.15 12:23, kommentieren

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Prolog

Aufgeregt eilte Luzifer, ein großer, muskulöser und gut aussehender Mann in den dreißigern, zu der alten Bibliothek seines Schlosses. Wie konnte so etwas nur passieren? Schwungvoll öffnete er die mit Schnörkeln und Haken versehene Tür und betrat die muffig riechende Bibliothek. Früher hatte er täglich mehrere Stunden seines armseligen Lebens in diesem Saal verbracht. Als verdammter bis in alle Ewigkeiten hatte man viel Zeit zum lesen, doch jetzt hingen Spinnweben in den Ecken, die alten Polstersessel waren von Motten zerfressen und die vielen meist alten und wertvollen Bücher waren von einer dicken Staubschicht bedeckt. Manche sahen aus, als würden sie jeden Moment selbst zu Staub zerfallen. Luzifer schritt zielstrebig zu einem Regal im hinteren Teil des Raumes und zog ein dickes Buch heraus, wobei er soviel Staub aufwirbelte, dass er niesen musste. Er schlug es auf und blätterte einige Minuten darin. Als er gefunden zu haben schien, was er suchte, wurde sein sonst so ausdrucksloser Blick entsetzt, er riss die unheimlichen tiefschwarzen Augen weit auf und ein erschrecktes Keuchen entfuhr seiner Kehle. So etwas hatte er, in seinem schon sehr lange andauernden Leben, noch nie gesehen!

12.8.15 18:41, kommentieren